Wir sitzen wieder auf dem Gelände des SSPV Mannheim, und diesmal war es ihr Wunsch. Iris Kaspar von der Hundeschule RoyalSteps in Mannheim wollte diese Folge unbedingt machen. „Die Welpentante“ – so habe ich sie kennengelernt.
Es wäre leicht, daraus eine süße halbe Stunde zu machen. Diese ist etwas anderes. Was in diesen Wochen passiert, prägt das Muster, mit dem dein Hund später jede neue Situation einordnet. Die Hälfte dieser Zeit verbringt er schon bei dir.
Wie lange ist ein Welpe ein Welpe?
Die Frage klingt nach Wortklauberei, hat aber handfeste Folgen. Mit der 16. Woche endet die Welpenzeit, danach ist dein Hund ein Junghund.
Iris bekommt regelmäßig Anrufe aus dem Auslandstierschutz: „Ich muss in die Welpenstunde.“ Nur dürfen Hunde aus dem Ausland erst mit 15 Wochen einreisen, sie kommen also in einer Woche an, in der diese Zeit fast vorbei ist. Eine einzelne Trainingsstunde ändert daran wenig. Mit diesen Hunden lässt sich trotzdem gut arbeiten, nur arbeitet man dann an etwas anderem.
Die sechzehn Wochen teilen sich Züchter und Halter
Ab der dritten, vierten Woche machen Welpen die Augen auf, und damit beginnt die Sozialisation, also die Phase, in der sie sich merken, was alles zu ihrer Welt gehört, von Staubsaugern über Kinderstimmen bis zu anderen Hunden. Was ihnen in dieser Zeit begegnet, wird zum Maßstab, an dem sie später alles Neue messen.
Die erste Hälfte dieser Zeit verantwortet der Züchter. Über die Frage, woran du einen erkennst, der das ernst nimmt, haben wir in der vorigen Folge ausführlich gesprochen. Die zweite Hälfte, von der achten bis zur sechzehnten Woche, gehört dir: acht Wochen, in denen du deinem Hund die Umwelt zeigen kannst, in der er sein Leben verbringen wird.
Für Iris ist die achte Lebenswoche deshalb der ideale Übernahmezeitpunkt. Nicht weil früher grundsätzlich besser wäre, sondern weil euch dann noch diese acht gemeinsamen Wochen zur Verfügung stehen.
Die Forschung kommt von der anderen Seite zum selben Ergebnis: Eine italienische Arbeitsgruppe um Raffaella Cocco hat 2025 in Veterinary Sciences 107 Hunde untersucht, die in unterschiedlichem Alter und aus unterschiedlichen Zusammenhängen in ihr Zuhause kamen, vom Züchter, aus dem Tierheim, privat. Hunde, die mit einem oder zwei Monaten abgegeben wurden, zeigten als Erwachsene mehr Angst, mehr Ängstlichkeit und forderten häufiger Aufmerksamkeit ein als die später übernommenen. Eine zu frühe Trennung von Mutter und Wurfgeschwistern zahlt sich also Jahre später aus, und zwar zum Nachteil des Hundes.
Nach sechs Monaten war der Vorsprung verschwunden
Eine Gruppe um Lisa Stolzlechner hat 2022 in Animals 83 Welpen aus zwölf Würfen begleitet. Ein Teil von ihnen bekam zwischen der dritten und sechsten Woche ein gezieltes Programm: zwölf Einheiten, zweimal pro Woche, mit Geräuschen, neuen Gegenständen und kleinen Aufgaben. Kurzfristig war der Unterschied deutlich. Diese Welpen erschraken weniger, erholten sich schneller nach einem lauten Geräusch und gingen mutiger auf Unbekanntes zu. Sechs Monate später ließ sich davon nichts mehr messen.
Frühe Sozialisation wirkt also, sie lässt sich nur nicht abhaken. Ein gutes Programm beim Züchter verschafft deinem Hund einen Start, und ob ein halbes Jahr später noch etwas davon zu sehen ist, entscheidet sich in der Wiederholung bei dir zu Hause.
Bindung zuerst, Gehorsam kann warten
Gefragt nach ihren unverhandelbaren Grundsätzen, nennt Iris als erstes eine Rangfolge: Bindung und Vertrauen kommen zuerst, Gehorsam kann später obendrauf. Geübt wird in der Welpenstunde durchaus schon etwas, beim Freispiel läuft nebenbei die eine oder andere Aufgabe mit Futter. Nur lenkt das niemanden von dem ab, worum es in diesen Wochen geht.
Das klingt nach Verzicht, ist aber eine Reihenfolge. Kommandos kann ein Hund mit einem Jahr lernen, mit drei und mit sieben. Das Vertrauen, das in diesen Wochen entsteht, bekommst du später nur noch mühsam hin.
Warum ein enger Rahmen mehr Freiheit schafft
Der zweite Grundsatz überrascht viele: Ein Welpe braucht vor allem einen Rahmen.
Iris erklärt es an der Wurfkiste. In der sechsten Woche streckt ein Welpe erst mal einen Fuß hinaus, in der siebten oder achten rennt er in den Garten. Er erweitert sein Gebiet selbst, in dem Tempo, das er sich zutraut, und die Mutterhündin gibt ihm dabei sehr deutlich vor, was geht und was nicht. Deutlich, aber nicht grob.
Zu Hause geht das weiter. Ein Meter Umkreis, an deinen Füßen, auf deinem Schoß, an der Leine. Innerhalb dieses Rahmens traut sich ein Welpe etwas zu, weil er weiß, woran er ist.
Lässt du ihn vom ersten Tag an fünf Meter weit rennen, passiert das Gegenteil. Er findet dich nicht wieder, denn seine Nase ist dafür noch nicht gut genug, und die Gegend kennt er auch nicht, er ist ja gerade erst eingezogen. Was nach Freiheit aussieht, verunsichert ihn. Iris’ Vergleich: Ein krabbelndes Baby setzt man auch nicht auf der Autobahn ab, um zu sehen, wie es läuft.
Und man sieht es diesen Hunden an. Ein Welpe, der so groß wird, entdeckt etwas Neues, dreht sich um und schaut seinen Menschen an: Ist das okay? Dieser Blick ist die Frage, um die es geht, und er verschwindet, wenn niemand antwortet.
Zwei Meter, und dann zurück
Wie das praktisch aussieht: Du willst deinen Hund später ohne Leine laufen lassen, also arbeitest du jetzt mit einer Schleppleine. Zwei Meter sind okay, alles darüber nicht. Also lässt du ihn zwei Meter laufen und rufst ihn zurück. Kommt er, passiert etwas Gutes, Lob, Streicheln, Futter, das ist keine Bestechung, sondern eine Information.
Was Iris zunehmend hört, ist die andere Variante: Nach zwei Metern kommt ein „Ey, Moment mal, komm zurück.“ Für dich ist das eine Kleinigkeit, für einen zehn Wochen alten Hund ein Riss im Vertrauen. Einen einzelnen steckt er weg, davon habt ihr genug Gutgemachtes daneben. Manches setzt sich aber fest und zeigt sich erst, wenn er drei ist. Ob eine Grenze fair war, entscheidet der Hund.
Im Freispiel zeigt sich, wer dein Hund ist
Wenn die Welpen bei Iris frei spielen, gibt es eine Regel für die Menschen: nicht miteinander quatschen. Das ist die Zeit, in der du am meisten über deinen Hund lernst.
Denn dort zeigt sich, wer er ist. Ist er einer, der andere jagt und bedrängt? Einer, der sich sofort auf den Rücken dreht? Einer, der abseits steht, alles beobachtet und dann seinen Moment wählt? Mobbing gibt es auch unter Welpen. Wenn es doof läuft, greift Iris ein.
Vor allem aber lernt dein Hund dort etwas, das später über vieles entscheidet: Wenn mir etwas komisch vorkommt, gehe ich zu meinem Menschen. Das kläre ich nicht allein.
Damit das funktioniert, musst du es klären. An dieser Stelle greifen viele auf der Hundewiese daneben. „Das machen die unter sich aus“, heißt es dann, und während der große Hund angerauscht kommt und der kleine sich auf den Rücken wirft, denkt sein Mensch, die beiden spielen. In Wirklichkeit kapituliert der kleine Hund. Er lernt in dieser Minute, dass er sich selbst kümmern muss. Was daraus Jahre später wird, heißt Leinenaggression, und kaum jemand bringt es dann noch mit dieser Wiese in Verbindung.
Dazu gehört übrigens auch, dass du im Zweifel etwas sagst. „Bitte keinen Kontakt, wir sind hier im Training.“ Iris hat sogar Warnwesten machen lassen, mit „Hund im Training“ darauf, und geholfen hat es wenig. Dem anderen Halter begegnest du zweimal im Leben. Dein Hund lebt fünfzehn Jahre mit dir.
Zu Hause zählt mehr als auf dem Platz
Ganz oben auf Iris’ Liste für daheim steht nicht Sitz, sondern Ruhe. Wir haben dazu eine eigene Folge gemacht, und bei Welpen kommt ein praktisches Detail dazu: der Liegeplatz. Viele legen die Decke dorthin, wo der Hund sich so süß hinlegt, also meistens an die Stelle, von der aus er alles mitbekommt und deshalb nie herunterfährt. Deshalb schaut Iris sich das beim Ersttermin vor Ort an.
Dazu kommt das Füttern, und zwar ausführlicher, als man es in einer Hundeschule erwarten würde: wie viel dein Hund bekommt, wie es aufbereitet ist, ob das Trockenfutter eingeweicht wurde und was es im Magen anrichtet, wenn du es trocken gibst. Und das Kuscheln, viel davon, mit der Ansage, dass auch mal Schluss ist. Das ist die erste Frusttoleranz, und sie wird an etwas geübt, das schön ist.
Umwelt in kleinen Schritten
Für die Gewöhnung an Geräusche gibt es einen einfachen Weg: leise abspielen, während dein Hund frisst, und von Mal zu Mal ein bisschen lauter werden. Nicht von Stufe eins auf Stufe zehn. Er verbindet die Geräusche dann mit etwas Angenehmem, ohne dass er etwas lernen müsste.
Das gilt für alles andere genauso. Statt gleich mit dem ICE nach Hamburg zu fahren, nimmst du eine Station Straßenbahn, deinen Hund auf dem Arm und Futter dabei.
Wie ernst das ist, zeigt ein Fall aus Iris’ Praxis. Zwei Kunden, unabhängig voneinander, hatten ihre Hunde vom selben Züchter, einem Forsthaus im hessischen Odenwald. Beide Hunde bewegten sich großartig im Wald und jagten keine Eichhörnchen. Beide wohnten an einer belebten Straße. Und beide konnten sich draußen nicht lösen, weil ihnen der Straßenverkehr in der achten Woche wie ein Kulturschock entgegenschlug. Die Halter mussten sie zunächst ins Auto packen und zum Gassigehen rausfahren, und ganz verloren hat sich die Unsicherheit nie.
Deshalb lohnt sich die Frage an den Züchter, bevor du dich entscheidest: Fährt er mit den Welpen mal Auto? Waren sie schon in der Stadt? Es reicht, wenn sie es einmal gesehen haben.
Stubenreinheit: die goldene Regel
Nach dem Schlafen, nach dem Spielen, nach dem Fressen raus, und damit ist die Regel auch schon vollständig.
Nachts musst du damit rechnen, dass du mit raus musst, und du entwickelst eine Antenne dafür, wann er unruhig wird. Meistens kündigt er es an. In der Welpenstunde sieht Iris es im Freispiel kommen und stupst die Halter an: Guck mal, was er gerade macht.
Zwei Dinge noch. Erstens: Welpenmatten gewöhnen deinen Hund daran, sich in der Wohnung zu lösen, und diese Gewohnheit musst du ihm anschließend wieder nehmen. Was er in diesen Wochen unter den Pfoten hat, prägt sich ziemlich endgültig ein. Iris’ eigene Hündin löst sich bis heute, mit zwölf, nur auf Erde, und hat sich dafür bei Bekannten schon mal in den Blumenkübel gesetzt. In den Hof hätte sie es nie gemacht.
Zweitens: Auch das kann der Züchter vorbereiten, und du kannst es ansprechen. Wenn bei dir kein Rasen vor der Tür liegt, sondern Bordstein, ist das eine sinnvolle Bitte.
Darf der Welpe ins Bett?
Zum Schluss die Glaubensfrage. Iris’ Antwort: Der Welpe darf alles, solange es gut geht.
Als Trainerin empfiehlt sie trotzdem einen Trick, der den Konflikt gar nicht erst entstehen lässt: eine Decke. Sie markiert den Platz, an den dein Hund darf. Er hat damit ein sichtbares Zeichen statt einer Regel, die sich je nach Situation ändert, und du kannst die Decke auch mal woanders hinlegen, ohne etwas zu widerrufen.
In der nächsten Folge geht es um die Zeit danach: Pubertät und Junghunde. Über diese Phase wird deutlich weniger geredet als über Welpen, und viele merken dann erst, dass das Thema noch nicht durch ist.
Die ganze Folge „Isch hätt’ gern mol e Frooch“ mit Iris Kaspar von RoyalSteps Mannheim gibt es auf Spotify und YouTube. Es ist Folge 008, aufgenommen auf dem Gelände des SSPV Mannheim.
Ihr habt Fragen an uns? Schickt sie uns, entweder an office@pawcademy.eu oder an info@royalsteps.de, wir beantworten sie in einer der nächsten Folgen.
Quellen
- Cocco, R.; Arfuso, F.; Sechi, S.; Piccione, G.; Giannetto, C.; Arrigo, F.; Rizzo, M. (2025): The Puppies’ Age at Adoption Time Influences the Behavioral Responses of Adult Dog. Veterinary Sciences 12(2), 176. https://doi.org/10.3390/vetsci12020176
- Stolzlechner, L.; Bonorand, A.; Riemer, S. (2022): Optimising Puppy Socialisation – Short- and Long-Term Effects of a Training Programme during the Early Socialisation Period. Animals 12(22), 3067. https://doi.org/10.3390/ani12223067
Bildnachweis: KI-generiert von Gamma.app

