Der Satz kommt bei uns beiden regelmäßig im Training an, und er klingt jedes Mal ähnlich:
„Ich mache doch so viel mit ihm. Dreimal am Tag Gassi, einmal die Woche Hundeplatz, am Wochenende sind wir unterwegs. Der müsste doch total ausgepowert sein. Aber er kommt einfach nicht runter. Was soll ich denn noch machen?“
Die Antwort, die dann kommt, ist selten die erwartete. Sie lautet: weniger.
Denn dein Hund kommt nicht zur Ruhe, weil ihr so viel macht. Nicht obwohl.
Nach müde kommt doof
Wer Kinder hat, kennt den Zustand. Irgendwann ist der Punkt überschritten, an dem Müdigkeit noch zu Ruhe führt, und ab da wird alles nur noch lauter, greller und weniger ansprechbar.
Bei Hunden ist es dasselbe. Ein Hund, der über Wochen mehr Eindrücke bekommt, als er verarbeiten kann, wird nicht ausgeglichener. Er wird reizbarer, unaufmerksamer und schlechter ansprechbar. Und dann liest man das als Trainingsproblem und macht noch mehr.
Iris beschreibt Kunden, bei denen sie sagen muss: Ihr bräuchtet drei Hunde, damit dieses Pensum aufginge. Jeden Tag etwas Neues, manchmal zweimal am Tag. Heute der lange Spaziergang, morgen der Besuch auf dem Weihnachtsmarkt, übermorgen die Fahrt zu Freunden. Alles gut gemeint, weil man ja gemeinsam etwas erleben will.
Nur: Erleben ist die eine Hälfte. Die andere ist Verarbeiten. Und dafür braucht ein Hund Ruhe, nicht das nächste Erlebnis.
Was im Schlaf tatsächlich passiert
An dieser Stelle wollte ich es nachprüfbar haben, denn „braucht Ruhe“ sagt sich leicht.
Eine Arbeitsgruppe um Anna Kis an der Ungarischen Akademie der Wissenschaften hat Hunde im Schlaflabor untersucht, veröffentlicht 2017 in Scientific Reports. Der Aufbau: Die Hunde sollten neue Wörter lernen, fremdsprachige Signale für Kommandos, die sie längst konnten. Danach wurden sie an ein EEG angeschlossen und durften schlafen. Anschließend wurde erneut geprüft, wie gut sie das Gelernte beherrschten.
Das Ergebnis: Nach der Schlafphase konnten sie es besser als vorher. Nicht durch weiteres Üben. Durch Schlafen. Und die Messwerte aus dem Schlaf-EEG hingen mit der Verbesserung zusammen.
Übersetzt in den Alltag heißt das: Die Trainingseinheit endet nicht, wenn ihr den Hundeplatz verlasst. Sie endet, wenn dein Hund geschlafen hat.
Deshalb ist auch das, was nach dem Training oft passiert, kontraproduktiv: noch eine Runde Ballspielen, noch ein bisschen toben. Das hält das System oben, wo es herunterfahren müsste. Eine Schnüffelrunde oder schlicht Ruhe wären an dieser Stelle die bessere Wahl.
Ein Nebenbefund aus dem Alltag, den Iris anspricht: Wenn dein Hund nachts zappelt, im Schlaf läuft oder fiept, ist das oft kein schlechtes Zeichen, sondern ein Hinweis darauf, wie voll der Tag war. Er arbeitet ihn ab.
Stress rechnet sich zusammen
Der zweite Punkt ist der, der die meisten überrascht: Stress ist additiv.
Dein Hund reagiert nicht nur auf den Reiz, der gerade vor ihm steht. Er reagiert auf die Summe von allem, was in den letzten Tagen los war. Der Tierarztbesuch am Montag, die lange Autofahrt am Dienstag, die Handwerker in der Wohnung, dazu noch Hitze und eine unruhige Nacht.
Wenn er dann am Donnerstag bei einer Hundebegegnung ausrastet, die sonst kein Problem war, ist das kein Rückschritt im Training. Das ist Physiologie. Das Stresskonto war schon voll, bevor der andere Hund um die Ecke kam.
Nach einer starken Stressbelastung braucht der Körper Zeit, bis der Cortisolspiegel wieder auf Normalniveau ist. Nicht Stunden. Eher zwei bis drei Tage.
Deshalb gehören in ein durchdachtes Trainingsprogramm echte Ruhetage. Nicht als Nachlässigkeit, sondern als Bestandteil. Eine brauchbare Faustregel: auf zwei fordernde Tage ein Erholungstag. Bei Themen mit starker emotionaler Beteiligung eher noch großzügiger.
Wie viel Bewegung ein Hund wirklich braucht
Irgendwo aufgeschnappt habe ich einmal eine Zahl, die mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht: Frei lebende Straßenhunde, die man mit GPS-Sendern begleitet hat, legen am Tag rund anderthalb Kilometer zurück. Überwiegend auf Futtersuche. Den Rest der Zeit liegen sie.
Wo ich das her habe, bekomme ich nicht mehr zusammen, und ich habe es beim Schreiben dieses Artikels auch nicht wiedergefunden. Die Zahl steht hier deshalb als Größenordnung und nicht als Beleg.
Das Bild dahinter braucht ohnehin keine Studie, sondern nur einen Hütehund.
Wenn die Schafe umziehen, gibt er ein paar Tage lang Vollgas. Wenn die Schafe stehen, liegt er in der Sonne und schaut ihnen zu. Hunde sind gute Verwalter ihrer eigenen Energie. Sie wissen, wann sie sie brauchen und wann sie auftanken.
Wir sind diejenigen, die dazwischenfunken. Um achtzehn Uhr ist Training, am Wochenende Wettkampf, dazwischen Joggen und Fahrradfahren. Dass Hunde das mitmachen, ist kein Beweis dafür, dass es ihnen guttut. Sie halten eine Menge aus.
Die Decke ist tragbare Sicherheit
Und jetzt zum praktischen Teil, denn Ruhe lässt sich üben.
Das Werkzeug dafür ist unspektakulär und wird deshalb unterschätzt: eine Decke. In der Hundeschule sieht Deckentraining nach nichts aus. Wer zufällig vorbeikommt, sieht Menschen herumstehen und Hunde liegen. Das ist trotzdem aktives Training, und es ist die Grundlage für alles andere, was auf einem Hundeplatz passiert.
Der Aufbau ohne jeden Druck geht so: Du legst Futter auf die Decke. Mehr nicht. Dein Hund geht hin, weil dort etwas Gutes liegt. Ob er dabei steht, sitzt oder liegt, ist zunächst egal, er bekommt keine Ansage. Wenn er fertig ist und wieder runtergeht, ist das auch in Ordnung. Die Decke verknüpft sich so mit einem angenehmen Gefühl, und zwar ohne dass er dafür etwas leisten muss.
Der gezielte Aufbau kommt später und ist etwas anderes: Du führst ihn hin, fütterst dort, bleibst vielleicht daneben stehen oder bittest jemanden aus der Familie, dabeizubleiben. Das ist dann eine Vorgabe und keine freie Entscheidung mehr. Aber sie funktioniert, weil der Ort vorher schon positiv besetzt war.
Am Ende hat dein Hund einen Platz, an dem er nichts zu regeln hat. Bei uns rennt er beim Klingeln auf die Decke statt zur Tür, und das ist für ihn deutlich weniger anstrengend als der alte Weg. Warum ein Bellverbot an der Haustür ohne diese Alternative nicht funktioniert, steht hier: Warum dein Hund an der Tür bellt.
Und das Beste: Die Decke ist tragbar. Meine Hunde finden es großartig, wenn wir in den Biergarten oder ins Restaurant gehen und sie dabeihaben. Sie wissen dann, wo sie hingehören, auch in einer Umgebung, die sie nicht kennen. Ein Stück Heimat, das mitkommt.
Dazu gehört allerdings eine Gegenleistung von dir. Wenn im Biergarten ein freilaufender Hund auf die Decke zusteuert, ist es dein Job, ihn wegzuschicken. Auch wenn dessen Halter das unhöflich findet. Du hast deinem Hund beigebracht, dass er sich dort auf dich verlassen kann. Dann musst du auch liefern.
Anfassen ist nicht Streicheln
Ein Ruhesignal lässt sich zusätzlich konditionieren. Manche arbeiten mit einem Halstuch, das nur in Entspannungssituationen angezogen wird, manche mit Düften. Iris bevorzugt die Hand, aus einem sehr pragmatischen Grund: Die hat sie immer dabei.
Bei uns ist es eine ruhige Berührung an der Brust. Die Botschaft dahinter lautet: Ich kümmere mich, du musst nicht.
Und hier kommt der Punkt, der sich in der Praxis am schwersten vermitteln lässt:
Anfassen heißt Hand auflegen. Anfassen heißt nicht streicheln.
Streicheln, Wuscheln, Kraulen bringt den Hund wieder aus der Ruhe heraus. Wer beruhigen will, legt die Hand auf und lässt sie liegen. Nichts weiter. Das genießen Hunde, und es funktioniert.
Aufgebaut wird so ein Signal in Momenten, in denen dein Hund von selbst ruhig ist. Erst dann steht es dir später zur Verfügung, wenn es hektisch wird.
Woran du siehst, dass es zu viel wird
Hunde kündigen Überlastung an, lange bevor etwas passiert. Nur eben leise.
Wegschauen. Den Kopf abwenden. Blinzeln. Über die Schnauze lecken. Ohren anlegen. Den Hals ducken. Eine Pfote heben. Das sind Beschwichtigungssignale, und einzeln bedeuten sie wenig. In der Summe bedeuten sie: Mir ist das gerade zu viel.
Iris macht dazu eine Beobachtung, die unbequem ist und deshalb hier stehen bleibt: Im Gruppentraining haben die meisten Hunde diesen Stress nicht mit den anderen Hunden. Sie haben ihn mit ihrem eigenen Menschen, weil der die Übung jetzt unbedingt geschafft haben will und der Hund nicht versteht, worum es geht.
Das sieht man übrigens auch auf Hundesportveranstaltungen, wo es doch um Spaß gehen soll.
Was du morgen anders machen kannst
Eine Sache, fünf Minuten, kostet nichts.
Bleib auf dem nächsten Spaziergang irgendwo stehen. Stell dich auf die Leine, damit du sie nicht halten musst, und mach dann nichts. Rede nicht mit deinem Hund, schau ihn nicht an, gib kein Signal. Lass die Welt fünf Minuten lang an euch vorbeiziehen.
Achte danach darauf, wie der Rest des Spaziergangs läuft. Bei Hunden, die vorher gezogen haben und mit dem Kopf ständig im Außen waren, ist der Unterschied oft deutlich.
Und wenn du dann zu Hause ankommst und dein Hund sich hinlegt und schläft, dann hat er nicht den Tag verpasst.
Dann verarbeitet er ihn.
Die ganze Folge „Isch hätt‘ gern mol e Frooch“ mit Iris Kaspar von RoyalSteps Mannheim gibt es auf Spotify und YouTube. Wir sprechen darin außerdem über den Aufbau von Ruhesignalen und darüber, warum Schulhunde einmal pro Woche zum Einsatz kommen sollten und nicht täglich.
Ihr habt Fragen an uns? Schickt sie uns, entweder an office@pawcademy.eu oder an info@royalsteps.de – wir beantworten sie in einer der nächsten Folgen.
Quelle
- Kis, A., Szakadát, S., Gácsi, M. et al. (2017): The interrelated effect of sleep and learning in dogs (Canis familiaris); an EEG and behavioural study. Scientific Reports 7, 41873. https://www.nature.com/articles/srep41873
Headerbild: KI-generiert mit ChatGPT.


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