Warum hört mein Hund nicht auf mich? Vielleicht, weil du seine Fragen nicht siehst

Frau kniet auf einem Waldweg neben ihrem Hund an lockerer Leine, Hund und Mensch schauen einander an

Dein Hund steht an einem Grasbüschel. Er hebt den Kopf, schaut kurz zu dir herüber, senkt ihn wieder und geht weiter.

Eine halbe Sekunde, vielleicht weniger.

Wenn du dich fragst, warum dein Hund nicht auf dich hört, dann fängt die Antwort oft an dieser Stelle an. Denn dieser Blick war keine Zufallsbewegung. Das war eine Frage. Und ob du sie beantwortest oder nicht, entscheidet mehr über eure Beziehung als jedes Kommando, das du ihm beibringst.

Darüber habe ich mit Iris Kaspar gesprochen, Hundetrainerin aus Mannheim, Hundeschule RoyalSteps.

Die Frage, die kaum jemand umdreht

Iris hat den Satz gesagt, an dem ich seitdem hänge:

„Ungefragt haben wir eine super Beziehung zu unserem Hund. Ich kenne keinen Hundehalter, der sagt, meine Beziehung stimmt nicht. Die Frage ist, wie ist die Beziehung vom Hund zu mir?“

Das ist der Punkt. Wir bewerten die Beziehung von unserer Seite aus, wo sie sich immer gut anfühlt. Wir lieben den Hund, also stimmt es. Von seiner Seite aus sieht die Rechnung möglicherweise anders aus, und er sagt es uns auch. Nur eben nicht auf Deutsch.

Was in dieser halben Sekunde passiert

Der Fachbegriff für den Blick am Grasbüschel heißt soziale Rückversicherung, im Englischen social referencing. Gemeint ist: Ein Lebewesen trifft auf etwas Unklares und schaut zu einem Vertrauten hinüber, um zu erfahren, wie es die Sache einordnen soll. Kleinkinder machen das, bevor sie sprechen können. Hunde machen es auch.

Ich wollte wissen, wie belastbar das ist, und bin auf eine Untersuchung von Isabella Merola, Emanuela Prato-Previde und Sarah Marshall-Pescini gestoßen, 2012 in Animal Cognition erschienen. Die Forscherinnen stellten Hunden einen laufenden Ventilator mit flatternden grünen Plastikbändern in den Raum. Ein Ding, das kein Hund kennt und keiner sofort einordnen kann.

83 Prozent der Hunde schauten zuerst auf das Objekt und dann zu ihrem Menschen.

Der zweite Teil des Versuchs wiegt schwerer. Die Halter waren instruiert, entweder entspannt und freundlich oder besorgt und abweisend zu reagieren. Die Hunde der ersten Gruppe gingen näher an den Ventilator heran. Die der zweiten Gruppe gingen weg. Sie übernahmen die Bewertung ihres Menschen.

Das heißt: Dein Hund fragt dich nicht nur, ob etwas in Ordnung ist. Er glaubt dir auch.

Der Blick, der nie beantwortet wird

Hier wird es unbequem. Ein Hund, der fragt und keine Antwort bekommt, hört irgendwann auf zu fragen. Nicht aus Trotz. Sondern weil sich die Frage nicht mehr lohnt.

Iris bringt es auf einen Satz, der wehtut, weil man sich selbst darin erkennt:

„Wenn ich einen Menschen habe, der nur am anderen Ende der Leine ist und sein Handy in der Hand hat und gar nicht mitbekommt, was der Hund treibt: Dann brauche ich mich nicht wundern, wenn die Kommunikation nicht funktioniert.“

Das Problem ist nicht der böse Wille. Es ist die Geschwindigkeit. Hunde kommunizieren in Bruchteilen von Sekunden, wir Menschen sind dagegen schwerfällig. Iris schätzt, dass sie inzwischen drei- bis fünftausend Trainingsvideos gesehen hat, und sagt, dass man diese Signale ohne diese Menge an Übung nicht erkennt. In ihren Weiterbildungen kommt es vor, dass ein Zwanzig-Sekunden-Schnipsel zwanzig Minuten Gespräch braucht und fünfmal Bild für Bild angeschaut wird, bevor sichtbar wird, was passiert ist.

Ihre Empfehlung an Halter ist deshalb unspektakulär und wirksam: filmen. Nicht das große Problem, sondern den normalen Spaziergang. Und sich das zu Hause in Ruhe ansehen.

Zwei Deutungen, die beide danebengehen

Wenn Halter über Orientierung sprechen, meinen sie oft etwas anderes als das, was tatsächlich vor ihnen liegt. Iris beschreibt zwei Fälle, bei denen die Deutung jeweils in die falsche Richtung geht.

Der erste: Der Hund liegt entspannt da. Der Mensch steht auf, geht in einen anderen Raum, der Hund bleibt liegen. Deutung des Halters: Ich bin ihm egal.

Deutung von Iris: Sei froh. Der Hund hat seine Ruhe gefunden und verlässt sich darauf, dass nichts passiert, was ihn betrifft. Das ist kein Desinteresse, das ist Vertrauen.

Der zweite: Der Hund folgt seinem Menschen in jeden Raum, bis in die Toilette. Deutung des Halters: So sehr hängt er an mir.

Deutung von Iris: Das ist keine Zuwendung, das ist Kontrolle. In der Fachsprache heißt so ein Hund Controlletti. Er überwacht, wer wohin geht, weil er die Zuständigkeit dafür bei sich sieht und nicht bei seinem Menschen. Das ist anstrengend für ihn, nicht schmeichelhaft für uns.

Beide Irrtümer haben dieselbe Wurzel. Wir werten Nähe als Beziehung und Distanz als Mangel. Für einen Hund stimmt beides nicht zwangsläufig.

Warum eine sinnlose Regel plötzlich Sinn ergibt

Und jetzt kommt die Übung, die im Podcast am meisten Widerspruch erzeugt, wenn wir sie Haltern vorschlagen.

Such dir einen Bereich in deiner Wohnung aus und erkläre ihn für eine Woche zur verbotenen Zone. Die Küche zum Beispiel. Nicht weil es einen Grund gibt. Sondern weil du es so willst.

Türrahmen und Schwellen verstehen Hunde als Grenze sofort, da musst du nichts erklären. Was danach passiert, ist der Zweck der Sache: Dein Hund wird nachfragen. Meinst du das ernst? Auch jetzt noch? Und wenn du in der Küche stehst und dich zu ihm umdrehst? Er wird dich beobachten wie schon lange nicht mehr, weil er plötzlich Anlass hat, dich zu lesen.

Der häufigste Einwand lautet: Ich will meinen Hund doch gar nicht einschränken. Iris‘ Antwort darauf:

„Ja, aber du willst eine bessere Kommunikation mit deinem Hund haben. Also gib dem Hund Anlass, mit dir kommunizieren zu können.“

Solche geplanten kleinen Reibungen heißen im Training Stellvertreterkonflikte. Der Gedanke dahinter: Beziehungsfragen, also wer entscheidet und wer sich nach wem richtet, klärt man besser an einer Küchentür als an einer Straßenkreuzung mit einem entgegenkommenden Hund. Klein, planbar, harmlos.

An dieser Stelle liegt eine Rückfrage nahe: Ist so eine Grenze nicht schon Strafe? Wo Korrektur aufhört und Gewalt anfängt, haben Iris und ich in der Folge davor auseinandersortiert. Der Artikel dazu steht hier: Dein Hund sagt dir, ob die Grenze fair war.

Zwei Einschränkungen, die dazugehören. Erstens: Wenn du eine Regel neu einführst, musst du deinem Hund zeigen, was er stattdessen tun kann. Eine Grenze ohne Alternative erzeugt nur Frust. Zweitens, und das sagt Iris deutlich: Eine solche Strukturänderung im eigenen Zuhause macht man besser nicht allein, sondern mit jemandem, der einschätzen kann, wo produktiver Frust aufhört und Überforderung anfängt. Der Unterschied ist im Moment schwer zu sehen und im Nachhinein teuer.

Und dann alles wieder loslassen

Der zweite Weg führt in die entgegengesetzte Richtung und trägt trotzdem.

Nimm den Druck raus. Nicht ein bisschen, sondern ganz.

Iris erzählt von Haltern, die im Frühjahr Beete bepflanzen und deren Hund die Pflanzen hinter ihnen wieder ausbuddelt. Was wie Zerstörung aussieht, ist ein Angebot: Was du machst, kann ich auch. Wer keinen Garten hat, nimmt ein Schnüffel- oder Schiebespiel und beschäftigt sich erst mal selbst damit, ohne den Hund zu rufen. Irgendwann steht er daneben.

Meine eigene Lieblingsvariante draußen: Ich stopfe ein paar Futterstücke in Rindenritzen, gehe hin und mache ein Theater daraus. Yoda arbeitet den Baum dann von unten nach oben ab und untersucht jede Ritze. Über Baumstämme klettern, durch einen Bach gehen, dasselbe Prinzip. Es sind gemeinsame Erlebnisse, und Hunde speichern sie als solche ab. Bindung entsteht dabei von selbst, ohne dass man sie trainiert.

Iris bringt ein Beispiel, das man auf der Straße sehen kann und das zwei Seiten hat: Menschen ohne Wohnung mit ihren Hunden. Von diesen Hunden wird selten etwas verlangt. Dabeisein reicht. Und das nehmen sie sehr dankbar an.

In dieselbe Richtung geht ein Ratschlag, der oft zu hören ist und selten hilft: Füttere ihn aus der Hand, dann wird die Bindung besser. Iris hält davon wenig. Wenn der Hund es nicht tut, sitzt der Mensch mit seiner Enttäuschung da, und schon liegt wieder Druck auf einer Sache, die leicht sein sollte.

Ihr Vergleich: Von einem sechs Monate alten Kind verlangst du auch nichts. Du setzt dich hin und baust Lego.

Der Hund, der nichts mehr angezeigt hat

Es gibt eine Stelle in der Folge, bei der es kurz still wird.

Iris berichtet von einem einzigen Hund in ihrer gesamten Trainingspraxis, der vor einer Eskalation keinerlei Vorzeichen mehr gezeigt hat. Keine Ohrbewegung, keine Rutenveränderung, nichts. Es sei zuvor mit einem Teletakt-Gerät mit ihm gearbeitet worden, und alles, was er an Vorwarnung gezeigt habe, sei ihm über Schmerz abtrainiert worden.

Das ist der Endpunkt derselben Linie, an deren Anfang der übersehene Blick am Grasbüschel steht. Ein Hund kündigt an. Er fragt, er warnt, er zeigt. Solange er das tut, kannst du dazwischengehen, bevor etwas passiert. Ein Hund, der es aufgegeben hat, ist nicht der einfachere Hund. Er ist der gefährlichere, weil niemand mehr eine Vorwarnung bekommt.

Dasselbe Prinzip gilt schon eine Stufe früher, beim Bellen: Wer es dem Hund ganz verbietet, nimmt ihm eine Eskalationsstufe weg und bekommt keine Vorwarnung mehr. Warum Verbieten dort selten hilft, steht hier: Warum dein Hund an der Tür bellt.

Was du morgen anders machen kannst

Steck das Handy weg. Nicht für den ganzen Spaziergang, das schafft ohnehin niemand. Nimm dir die ersten fünfzehn Minuten.

Und dann schau nicht darauf, ob dein Hund Kommandos befolgt. Schau darauf, ob er sich vergewissert. Ob er den Kopf hebt, wenn etwas Unbekanntes im Weg steht. Ob er kurz herüberschaut, bevor er entscheidet.

Wenn er das tut, hast du eine Beziehung. Dann geht es nur noch darum, zu antworten.

Und wenn er es nicht tut, dann fängt die Arbeit nicht bei ihm an.

Die ganze Folge „Isch hätt‘ gern mol e Frooch“ mit Iris Kaspar von RoyalSteps Mannheim gibt es auf Spotify und YouTube. Wir sprechen darin außerdem darüber, wie man herausfindet, wofür ein Hund überhaupt bereit ist zu arbeiten, und was man mit Hunden macht, die anfangs gar keinen Kontakt zu Menschen wollen.

Ihr habt Fragen an uns? Schickt sie uns, entweder an office@pawcademy.eu oder an info@royalsteps.de – wir beantworten sie in einer der nächsten Folgen.

Quellen

  • Merola, I., Prato-Previde, E. & Marshall-Pescini, S. (2012): Social referencing in dog-owner dyads? Animal Cognition 15(2), 175–185. https://link.springer.com/article/10.1007/s10071-011-0443-0
  • Merola, I., Prato-Previde, E. & Marshall-Pescini, S. (2012): Dogs‘ Social Referencing towards Owners and Strangers. PLOS ONE 7(10), e47653. https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0047653

Headerbild: KI-generiert mit ChatGPT.

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