Dein Hund zieht an der Leine? Dann fängt das Training im Wohnzimmer an

Hundetrainerin und Halter gehen mit einem Hund an lockerer Leine im Geschirr über einen Feldweg

Am 1. Mai 2026, kurz nach zwölf, saßen wir in einer Halle auf dem Mannheimer Maimarkt an einem Stehtisch, zwischen Absperrgittern und einem Agility-Tunnel, und haben ein Mikrofon eingeschaltet. Der Ton war nicht besonders. Der Podcast war trotzdem geboren.

Iris Kaspar und Ralph Kühnl bei der Aufnahme der Pilotfolge an einem Stehtisch in der Maimarkt-Halle
Die Aufnahme der Pilotfolge am 1. Mai 2026 in Halle 2 auf dem Mannheimer Maimarkt. Foto: privat

Die Idee dahinter war schlicht. Es gibt in Deutschland an die hundert Hundepodcasts, aber kaum einen, den man anrufen kann. Wir wollten einen für die Kurpfalz machen, für Menschen, die hier wohnen und deren Hund hier ein Problem hat. Deshalb auch der Name, den außerhalb der Region niemand versteht.

Und weil man in einer Pilotfolge dort anfängt, wo die meisten Leute anfangen, ging es um das Thema, das Iris Kaspar von der Hundeschule RoyalSteps in Mannheim ganz oben auf ihrer Liste hat: Ziehen an der Leine.

Erst mal: Was soll das überhaupt heißen?

Bevor man mit dem Training anfängt, lohnt sich eine Frage, die selten gestellt wird. Was verstehst du unter Leinenführigkeit?

Der eine will einen Hund, der strikt am Bein läuft und auf keinen Fall nach vorn geht. Der nächste möchte ihn hinter sich haben. Der dritte ist entspannt und sagt, er soll einfach in einem gewissen Radius bleiben und darf gern vorauslaufen. Das sind drei völlig verschiedene Trainingsziele, und wer das nicht ausspricht, trainiert an sich selbst vorbei.

Der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich fast alle einigen können, lautet: Die Leine soll nicht unter Spannung stehen. Damit kommt man schon ziemlich weit.

Wann das Problem entdeckt wird

Fast niemand kommt wegen des Ziehens in die Hundeschule, solange es nur nervt. Man kommt, wenn es plötzlich nicht mehr geht. Iris beschreibt den typischen Auslöser: Man ist krank, die Oma muss mit dem Hund raus, und dann stellt sich heraus, dass der Hund mit ihr überhaupt nicht laufen kann.

Zu diesem Zeitpunkt hat sich das Verhalten oft über Monate oder Jahre eingeschliffen, und jetzt soll eine schnelle Lösung her. Die gibt es nicht.

Interessant ist dabei, wann das Problem entsteht. Eine Arbeitsgruppe um Rachel Kinsman hat 2025 in Animals Daten aus einer Langzeitbefragung britischer und irischer Hundehalter ausgewertet und dabei auch gefragt, welche Verhaltensweisen als unerwünscht wahrgenommen werden. Ziehen an der Leine landete nicht auf Platz eins, das war Bellen. Aber der Anteil war ausgerechnet bei den zwölf Monate alten Hunden am höchsten, deutlich höher als bei jüngeren und älteren.

Das passt zu dem, was wir in der Praxis sehen. Gezogen hat der Hund vorher auch. Nur wog er da noch zwölf Kilo.

Warum die kurze Leine das Problem vergrößert

Und jetzt zu dem Mechanismus, der in fast jedem Erstgespräch auftaucht, weil ihn kaum jemand kennt. Halter sagen dann: Ich nehme ihn ganz kurz, damit er nicht nach vorn kommt. Damit tun sie exakt das, was das Ziehen erzeugt. Denn Druck erzeugt Gegendruck, und das ist beim Hund keine Absicht, sondern ein Reflex.

Halte deine Hand gegen die eines anderen Menschen und drücke dagegen. Der andere drückt automatisch zurück, ohne darüber nachzudenken. So verhält sich ein Hund, dessen Halsband unter Zug steht. Er kann nichts dafür. Wer also die Leine kürzer nimmt, damit weniger gezogen wird, bekommt mehr Zug, nicht weniger.

Deshalb gilt für alles, was danach kommt: Trainiert wird an lockerer Leine. Ohne diese Voraussetzung arbeitet man gegen einen Reflex an, und den gewinnt man nicht.

Zwei Ausrüstungen, zwei Modi

Ein Prinzip, das wir uns von Assistenz- und Rettungshunden abgeschaut haben: Diese Hunde tragen zwei verschiedene Ausrüstungen, und jede bedeutet etwas anderes.

Bei uns läuft das so: Im Geschirr darf dein Hund der wilde Mann oder das wilde Mädel sein, schnüffeln, gucken, sich Zeit lassen. Am Halsband wird schön gelaufen. Anfangs sind die Halsband-Einheiten nur Sekunden lang, mit Futter begleitet, danach geht es zurück ins Geschirr. Und dann werden sie länger.

An dieser Stelle gibt es regelmäßig Widerspruch, weil kaum jemand seinen Hund am Halsband führen will, gerade wenn er zieht. Das ist verständlich, verkennt aber die Reihenfolge: Das Halsband kommt erst zum Einsatz, wenn nicht mehr gezogen wird, nicht um das Ziehen abzustellen. Das Geschirr bleibt übrigens dauerhaft dran, denn im Wald soll er schnuppern dürfen, und dabei kommt naturgemäß Zug auf die Leine.

Der Umweg, den niemand erwartet

Und damit sind wir bei dem Punkt, an dem wir uns in Erklärungsnot bringen.

Jemand kommt und sagt: Mein Hund springt bei Hundebegegnungen in die Leine. Und wir antworten: Fangen wir mal im Wohnzimmer an. Das erzeugt regelmäßig Unverständnis, und zwar zu Recht, solange wir nicht erklären, warum.

Der Grund ist körperlich. Ein Hund, der draußen permanent neue Eindrücke einsammelt, schnüffelt, hochfährt und sich über andere Hunde aufregt, hat einen erhöhten Cortisolspiegel. In diesem Zustand ist er schlicht nicht lernfähig. Man kann mit ihm nicht arbeiten, egal wie gut die Übung ist.

Also beginnt das Training dort, wo keine Leine in der Nähe ist. Erst wird Ruhe aufgebaut und das Stressniveau gesenkt, worüber wir in einer eigenen Folge ausführlich gesprochen haben. Dann wird zu Hause Orientierung aufgebaut, dann vielleicht ein Markersignal, damit man überhaupt zeitgerecht belohnen kann. Und erst dann geht es nach draußen, in eine reizarme Umgebung, wo garantiert kein anderer Hund um die Ecke kommt.

Von dort aus wird gesteigert. Nicht vorher.

Orientierung einfangen statt Ziehen bestrafen

Der Trainingsschritt an der Leine selbst ist dann fast unspektakulär. Wir warten nicht darauf, dass der Hund zieht, um einzugreifen. Wir warten darauf, dass er sich von selbst am Menschen orientiert, und belohnen diesen Moment.

Denn Hunde fragen unterwegs nach. Sie schauen zwischendurch her: Passt das so? Bist du noch da? Den wenigsten Haltern ist das bewusst, und woher sollten sie es auch wissen. Wie dieser Blick funktioniert und warum er verschwindet, wenn niemand antwortet, war später ein eigenes Thema.

Wer diesen Moment einfängt und bestätigt, bekommt ihn häufiger. Und ein Hund, der sich oft an seinem Menschen orientiert, wird nebenbei leinenführig, ohne dass man Leinenführigkeit trainiert hätte.

Iris nennt das Prinzip dahinter Schönfüttern, und ihre Kunden lachen inzwischen darüber. Gemeint ist: Situationen positiv besetzen, bevor sie zum Problem werden. Wenn der Welpe mit acht Wochen einzieht und du beim Fressen einfach dabeibleibst, statt den Napf hinzustellen und fernsehen zu gehen, dann lernt er, dass es dort gut ist, wo du bist. Damit ist ein Teil der Leinenführigkeit bereits erledigt, Monate bevor sie zum Thema wird.

Wenn er trotzdem in der Leine hängt

Für den Fall, dass es doch passiert, gibt es feste Regeln, und die wichtigste lautet: Sobald dein Hund in der Leine hängt, ist das Training vorbei.

Dann wird nicht mehr korrigiert, nicht geschimpft und nicht erklärt. Du nimmst ihn aus der Situation heraus, bleibst neutral und wartest auf die nächste gute Gelegenheit. In diesem Zustand lernt er ohnehin nichts mehr.

Für die Zeit davor arbeitet man mit Distanz. Je weiter die Hunde voneinander entfernt sind, desto eher bleibt deiner ansprechbar. Die nächste Stufe ist, dass du dich zwischen deinen Hund und den anderen stellst, statt die beiden aufeinander zulaufen zu lassen. Und dabei musst du deinen Hund beobachten: Dreht sich ein Ohr, geht die Nase hoch, dann ist das dein Moment, nicht erst der Ausbruch.

Ein zuverlässiger Test für den Stresszustand ist das Leckerchen. Nimmt er es noch? Dann ist er ansprechbar. Verweigert er es, hat er längst umgeschaltet, und du solltest die Distanz wieder vergrößern.

Zwei Sätze zum Schluss

Der erste ist unbequem: Wenn du dir vorstellst, wie lange Hundetraining dauert, stell dir jetzt bitte vor, dass es zehnmal länger dauert. Es geht kleinschrittig, es geht mit Rückschritten, und es gibt keine Abkürzung.

Der zweite ist der Grund, warum sich das trotzdem lohnt: Es ist egal, wie alt dein Hund ist. Die Frage „lohnt sich das noch, er ist schon vier?“ bekommen wir regelmäßig, und die Antwort lautet immer: ja. Eingeschliffene Rituale lassen sich zu jedem Zeitpunkt durchbrechen, und schon das bringt einen Hund ins Denken. Das gilt auch für Angsthunde, für Tierschutzhunde und für Hunde, die als aggressiv gelten, solange man an die Ursache geht statt an das Symptom.

Jede Übung, die ihr gemeinsam macht, zahlt außerdem auf etwas ein, das über das Ziehen weit hinausgeht: auf die Beziehung. Und die ist am Ende die Grundlage, auf die alles andere aufbaut.

Deshalb hat sich die halbe Stunde in dieser lauten Halle am Maimarkt gelohnt. Es sind inzwischen ein paar Folgen mehr geworden.

Die ganze Folge „Isch hätt‘ gern mol e Frooch“ mit Iris Kaspar von RoyalSteps Mannheim gibt es auf Spotify und YouTube. Es ist unsere Pilotfolge, aufgenommen live auf dem Mannheimer Maimarkt.

Ihr habt Fragen an uns? Schickt sie uns, entweder an office@pawcademy.eu oder an info@royalsteps.de – wir beantworten sie in einer der nächsten Folgen.

Quelle

  • Kinsman, R. et al. (2025): Owner-Perceived Undesirable Behaviours in Young Dogs and Changes with Age. Animals 15(8), 1163. https://doi.org/10.3390/ani15081163

Headerbild: KI-generiert mit ChatGPT. Das Foto aus der Maimarkt-Halle ist eine echte Aufnahme.

Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert