Es gibt zwei Sorten von Kunden, und manchmal sitzen sie in derselben Trainingsstunde. Die einen sagen: Mit Futter arbeite ich nicht, er soll das doch für mich machen und nicht für die Wurst. Die anderen sagen: Ohne Leckerli macht der gar nichts.
Beide haben nicht unrecht, und beide übersehen dasselbe. Ein Leckerli im Hundetraining ist keine Bezahlung für geleistete Arbeit, sondern eine Nachricht. Und zwar eine sehr kurze: Das gerade eben war richtig.
Die Frage, die das Gespräch dreht
Wenn jemand sagt, er wolle nicht mit Futter arbeiten, stellt Iris gern eine Rückfrage, die selten sofort beantwortet wird: Wie war das, als der Hund zu dir kam und stubenrein werden sollte? Da bist du morgens im Regen mit ihm rausgegangen, und als er draußen sein Geschäft gemacht hat, hast du ihn gelobt wie verrückt, gestreichelt und ihm wahrscheinlich auch etwas zu fressen gegeben.
Fast alle nicken an dieser Stelle. Und machst du das heute noch? Natürlich nicht, denn es ist selbstverständlich geworden, dass er draußen Pipi macht, also braucht es dafür nichts mehr.
Damit ist die ganze Sache erklärt. Belohnung steht am Anfang, nicht am Ende. Sie ist das Werkzeug, mit dem man einem Hund beibringt, was gemeint ist, und danach verschwindet sie wieder. Bei der Stubenreinheit haben wir dieses Selbstverständnis alle. Bei Leinenführigkeit, Rückruf oder Trickübungen fehlt es merkwürdigerweise.
Warum Futter dabei so gut funktioniert
Es gibt einen biologischen Teil und einen, der wichtiger ist. Der biologische: Futter löst im Hundegehirn eine Dopaminausschüttung aus, vergleichbar mit dem, was bei uns passiert, wenn wir Schokolade essen. Es geschieht also körperlich etwas, das der Hund als angenehm einordnet, und dieses Gefühl verknüpft sich mit dem, was er unmittelbar davor getan hat.
Der wichtigere Teil ist die Rückmeldung. Ein Hund hat keine Möglichkeit zu erraten, welches der ungefähr fünfzig Dinge, die er in der letzten Minute getan hat, das gewünschte war. Er braucht ein Signal, das den Moment markiert, und bekommt er keins, bleibt ihm nur ausprobieren.
Deshalb ist der häufige Einwand, das Futter lenke doch nur ab, in der Sache falsch. Es lenkt dann ab, wenn das Timing nicht stimmt. Sitzt das Timing, ist es das Gegenteil von Ablenkung: der Punkt hinter dem Satz.
Eine halbe Sekunde
Und damit sind wir beim Handwerk, denn dieses Zeitfenster ist kurz. Als Faustregel gilt eine halbe bis eine Sekunde zwischen dem richtigen Verhalten und der Rückmeldung.
Wer das schon einmal versucht hat, weiß, was daran unmöglich ist. Der Hund macht etwas richtig, du greifst in die Tasche, holst das Leckerli heraus, beugst dich hinunter, hältst es ihm hin. Bei einem kleinen Hund kostet allein das Bücken mehr Zeit, als du hast. Was der Hund am Ende belohnt bekommt, ist nicht das, was du meintest, sondern das, was er in dem Moment gerade tat, als das Futter kam. Aus diesem Problem heraus ist der Marker entstanden.
Topfschlagen
Iris erklärt das Prinzip mit einem Bild aus der Kindheit, und es trifft die Sache besser als jede Definition: Topfschlagen. Da ruft jemand „heiß, heiß!“, und du weißt sofort, dass du richtig bist. Den Preis bekommst du erst später, aber die Information hast du sofort.
Ein Markersignal leistet dasselbe. Ein Klick oder ein festgelegtes Wort sagt dem Hund: Das war es. Die Belohnung kommt gleich, und du musst dich nicht mehr fragen, wofür. Daraus ergeben sich zwei praktische Vorteile, die kaum bestritten werden. Der erste ist Zeit, denn der Klick sitzt in der halben Sekunde, während das Leckerli sich Zeit lassen darf. Der zweite ist Distanz: Wenn dein Hund zehn Meter entfernt etwas richtig macht, kannst du es markieren, denn werfen könntest du das Leckerchen nie schnell genug.
Eine Bedingung gibt es allerdings, und sie ist nicht verhandelbar: Nach dem Marker kommt Futter. Immer, auch wenn du dich verklickt hast. Sonst verliert das Signal seinen Wert, und dein Hund steigt irgendwann aus dem System aus.
Marker ist nicht Lob
Und jetzt der Fehler, der in der Praxis am häufigsten passiert: Es wird dasselbe Wort für beides benutzt. „Fein!“ als Lob, „Fein!“ als Marker. Damit ist das Signal wertlos, weil es alles Mögliche bedeuten kann.
Ein Lobwort ist eine soziale Belohnung. Es darf warm sein, begeistert, ein bisschen albern, denn es ist selbst die Belohnung. Ein Markersignal dagegen ist nüchtern, es ist keine Belohnung, sondern eine Ankündigung. Ich sage bei mir schlicht „Klick“, wenn ich das Gerät nicht dabeihabe. Das klingt nach nichts, und das ist der Punkt.
Übrigens ist auch die Wahl des Wortes nicht beliebig. „Ja“ eignet sich schlecht, weil es im Alltag ständig fällt: Dein Hund hört es zwanzigmal am Tag, wenn du mit anderen Menschen sprichst, und kann irgendwann nicht mehr unterscheiden, ob er gemeint ist. Gute Marker sind im Alltag selten, etwa „Klick“, „Topp“ oder „Bravo“. Auch fremdsprachige Wörter funktionieren gut.
Was ich beim Nachlesen gefunden habe, und was nicht
Iris nennt im Podcast eine Untersuchung, nach der man mit einem Klick Gehirnregionen erreicht, die über die Stimme nicht erreichbar sind, gemessen an Blutwerten, vermutlich aus Hannover. Ich habe diese Arbeit nicht gefunden. Das heißt nicht, dass es sie nicht gibt, es heißt, dass ich sie hier nicht als Beleg anführen kann.
Was ich stattdessen gefunden habe, geht in die andere Richtung, und deshalb steht es hier. Eine Arbeitsgruppe um Rachel Gilchrist hat 2021 in PeerJ eine Untersuchung veröffentlicht, die in drei Experimenten verglichen hat, wie gut Hunde neue Aufgaben lernen: mit Klicker, mit einem gesprochenen Markerwort oder schlicht mit Futter ohne Marker. Der Titel der Arbeit fasst das Ergebnis zusammen: The click is not the trick. Ein eindeutiger Vorteil des Klickers gegenüber den anderen Methoden ließ sich nicht zeigen.
Was folgt daraus für die Praxis? Nicht, dass Markertraining Unsinn wäre, sondern dass die Wirkung nicht im Gerät steckt. Sie steckt in dem, was das Gerät erzwingt: dass du überhaupt auf den richtigen Moment achtest. Wer klickert, muss sich fragen, wofür er klickt, und das ist die Trainingsleistung. Wenn du also mit einem Wort besser zurechtkommst als mit einem Klicker, dann nimm das Wort. Die Studienlage gibt dir recht, und du hast es immer dabei.
Was Belohnung ist, entscheidet dein Hund
Der letzte Punkt ist der, der im Alltag am meisten schiefgeht. Belohnung ist nicht, was du für belohnend hältst, sondern was bei deinem Hund ankommt. Der Empfänger entscheidet, nicht der Sender.
Oft ist es Futter, für manche ein Zergelspiel am Ende einer Übung. Wir haben zu Hause einen Hund, für den ist Anfassen die Belohnung schlechthin, dafür lässt er alles liegen. Und Iris beschreibt einen, für den das Beste an einer Übung auf dem Parkplatz ist, dass er danach im Wasser schwimmen darf.
Umgekehrt gilt dasselbe: Streicheln wird von Haltern automatisch als Belohnung eingesetzt und ist es längst nicht für jeden Hund. Woran du es siehst? Kommt er näher, lehnt er sich an, bleibt der Körper locker, dann mag er es. Weicht er zurück, dreht er den Kopf weg, wird er steifer, dann mag er es nicht. Über den Kopf tätscheln mag ein Hund oft nicht, und das sagt nichts über eure Beziehung aus.
Das ist keine akademische Frage. Wenn dein Hund unzuverlässig zurückkommt und zur Begrüßung ausgiebig gestreichelt wird, dann kann das der Grund für die Unzuverlässigkeit sein.
Eine Warnung zum Schluss
Weil wir beim Dopamin angefangen haben, hört der Text auch dort auf. Dieselbe Substanz, die Lernen angenehm macht, steckt hinter Suchtverhalten. Intensives, immer gleiches Ballwerfen erzeugt diese Ausschüttung in hoher Dosis und in kurzer Folge. Der Hund kann dann nicht mehr aufhören, will immer mehr und kommt zu Hause trotzdem nicht zur Ruhe.
Das sieht nach Auslastung aus. Es ist das Gegenteil.
Zwanzig Minuten ruhige Nasenarbeit machen einen Hund zufriedener als eine Stunde Ball. Warum das so ist und was ein Hund tatsächlich an Ruhe braucht, steht hier: Dein Hund kommt nicht zur Ruhe?
Was du morgen anders machen kannst
Nimm dir eine Übung, die dein Hund schon kann, und achte einen einzigen Spaziergang lang nur auf eine Sache: Wie viel Zeit vergeht zwischen dem, was du belohnen willst, und dem Moment, in dem die Belohnung ankommt? Wenn es mehr als eine Sekunde ist, belohnst du gerade etwas anderes, als du denkst.
Und dann probier es mit einem Wort. „Klick“, nüchtern gesprochen, kein Lob, danach das Leckerli in Ruhe. Du wirst überrascht sein, wie schnell dein Hund versteht, dass dieses eine Wort etwas bedeutet.
Die ganze Folge „Isch hätt‘ gern mol e Frooch“ mit Iris Kaspar von RoyalSteps Mannheim gibt es auf Spotify und YouTube. Wir sprechen darin außerdem über den Aufbau eines Markersignals und darüber, warum Hundetrainer meistens Menschentrainer sind.
Ihr habt Fragen an uns? Schickt sie uns, entweder an office@pawcademy.eu oder an info@royalsteps.de – wir beantworten sie in einer der nächsten Folgen.
Quelle
- Gilchrist, R. J. et al. (2021): The click is not the trick: the efficacy of clickers and other reinforcement methods in training naïve dogs to perform new tasks. PeerJ 9, e10881. https://peerj.com/articles/10881/
Headerbild: KI-generiert mit ChatGPT.


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