Du gehst mit deinem Hund den Gehweg entlang. Rechts parken Autos, links steht eine Hecke, und von vorn kommt ein Mensch mit einem zweiten Hund. Dein Hund wird langsamer, steht dann straff in der Leine und bellt, so laut, dass auf der anderen Straßenseite jemand herüberschaut. Kurz darauf ist der andere Hund vorbei, und du fragst dich, was da gerade in deinem Hund los war.
An der Leine fehlen dem Hund die Ausweichwege
Hunde gestalten Begegnungen normalerweise selbst. Sie bleiben stehen und schauen, wer da kommt. Danach gehen sie hin und begrüßen den anderen, nähern sich langsam und höflich, ignorieren ihn oder weichen ihm aus. Dazwischen zeigen sie deeskalierende Signale, also Gesten, mit denen sie Spannung aus der Begegnung nehmen: kurz stehen bleiben, zur Seite gucken, im Bogen laufen, am Boden schnuppern. So steht es in einem Fachbeitrag der ATN Akademie, in dessen Autorenkasten die Tierärztin Maria Hense genannt ist. Sie arbeitet in einer verhaltenstherapeutischen Tierarztpraxis und als Hundetrainerin und setzt auf Lösungen ohne Druck und Zwangsmittel. Laut Beitrag ist Bellen bei Begegnungen „zwar lästig, aber normal“, solange es kurz bleibt und schnell vorbei ist.
An der Leine fällt das meiste davon weg. Dein Hund kann weder ausweichen noch sich in Ruhe orientieren. Er reagiert mit Lautstärke. Dahinter kann Frustration stecken, weil er zum anderen Hund hin will und nicht darf, oder Angst, weil er weg will und nicht kann. Welches von beiden es ist, ändert das individuelle Training komplett. Ein frustrierter Hund braucht Zugang in kleinen Schritten, ein ängstlicher braucht Abstand.
Frustration und Angst an drei Merkmalen erkennen
Welcher Hund zeigt Frust, welcher ist ängstlich? Drei Beobachtungen helfen dir beim Einordnen. Die Beschreibungen sind Anhaltspunkte zum Hinschauen und ersetzen keine Diagnose.
- Körperhaltung: Lehnt sich dein Hund nach vorn, das Gewicht auf den Vorderbeinen, den Blick fest auf den anderen Hund gerichtet, spricht das eher für Frustration. Verlagert er das Gewicht nach hinten, senkt den Kopf oder macht sich kleiner, spricht das eher für Angst.
- Reaktion nach der Begegnung: Schaut er dem anderen Hund hinterher und will folgen, deutet das auf Frustration. Zieht er vom Ort weg oder drängt sich an dich, deutet das auf Angst.
- Erholungszeit: Ist er kurz danach wieder ansprechbar und schnuppert weiter, war die Aufregung schnell vorbei. Bleibt er lange angespannt, schreckt beim nächsten Geräusch zusammen oder nimmt kein Futter mehr, spricht das eher für Angst.
Manche Hunde zeigen Merkmale aus beiden Gruppen. Dann lohnt sich der Blick einer Trainerin, bevor du dich für eine Übung entscheidest. Zusätzlich kann auch der Tierarzt eventuell Hinweise geben, wenn sich das Verhalten des Hundes geändert hat: Schmerzen oder schlechteres Sehen werden leicht als Ursache übersehen, gerade bei älteren Hunden.
Der frustrierte Hund übt Kontakt in kleinen Schritten
Dein Hund will zum anderen, darf nicht und lernt durch ständige Wiederholung an der Leine gerade, dass Bellen dazugehört. Um dem entgegenzuwirken, gibst du ihm Kontakt in Portionen, die er ruhig aushält.
1. Übe das Gehen an deiner Seite zuerst in ruhiger Umgebung und belohne dabei reichlich. Im oben genannten Beitrag steht dazu ein Vergleich: Auf einem Heavy-Metal-Konzert lernt niemand ein Gedicht auswendig, aufsagen kann man es dort aber, wenn man es vorher gelernt hat. 2. Such dir einen ruhigen Hund, den dein Hund kennt, und verabrede dich mit dessen Menschen zu einem gemeinsamen Spaziergang. Geht nebeneinander, mit so viel Abstand, dass dein Hund nicht in die Leine rennt oder bellt. 3. Lob ruhiges, vorsichtiges Verhalten. Schaut dein Hund zum anderen und danach zu dir, bekommt er Futter. Achte genau auf diese kleinen Momente, sie sind echt wichtig! 4. Verringere den Abstand über mehrere Spaziergänge. Ein kurzes Beschnuppern kommt erst, wenn das Nebeneinandergehen entspannt klappt. 5. Lob das Weggehen. Im Beitrag heißt es dazu: „Weggehen ist ein besonders wertvolles Verhalten.“
Der ängstliche Hund bekommt zuerst Abstand
Ein ängstlicher Hund gerät bei jeder engen Begegnung wieder in die Lage, weg zu wollen und nicht zu können. Jedes Bellen übt dabei das Bellen und das Aufregen, wie es im Beitrag heißt. Hier hilft Management, also die Situation so einzurichten, dass die schwierige Begegnung gar nicht erst entsteht. Wer die Straßenseite wechselt, schafft die Voraussetzung dafür, dass Training überhaupt greifen kann.
1. Wechsle die Straßenseite, geh im Bogen vorbei oder warte mit Abstand, bis der andere Hund weg ist. Wähle Zeiten und Wege, auf denen dir wenige Hunde begegnen. 2. Übe in ruhiger Umgebung eine Kehrtwendung auf ein Geräusch, etwa ein Schnalzen: schnalzen, umdrehen, weggehen, belohnen. Sie ist deine Notfallmaßnahme. 3. Übe auf Entfernung das Schönfüttern, bei dem du den Anblick eines anderen Hundes mit Futter verbindest: Sobald dein Hund den anderen sieht, bekommt er Lob und Futter. Nimmt er nichts, steht er bereits unter zu großer Erregung – also: vergrößere den Abstand. 4. Verringere den Abstand erst, wenn dein Hund beim Anblick eines anderen Hundes zu dir schaut. Das ist ein Zeichen von Vertrauen – perfekt!
Strafen wie ein Leinenruck oder ein scharfes „Nein!“ verbinden Hunde oft mit dem Gegenüber. Die Chance, dass ein nächstes Aufeinandertreffen mit einem Artgenossen allein schon aus Angst vor der nächsten Konsequenz ähnlich schlecht läuft, ist also gut. Laut Beitrag wirkt ein bestrafter Hund manchmal äußerlich ruhiger und ist innerlich angespannter als vorher. Um dem unkontrollierten Leinenruck vorzubeugen, kann man zu einem gut sitzenden Brustgeschirr und einer Leine von drei bis fünf Metern greifen. Roll-Leinen sind aus mehreren Gründen nicht mein Favorit – einer davon ist, dass deren ruckartige Bewegungen es für den Hund schwerer machen. Ein anderer ist, dass die Leine dem Hund permanent einen Gegenzug vermittelt, so dass er kaum lernen kann, was gehen an lockerer Leine – das wir belohnen und damit festigen können – eigentlich bedeutet.
Für beide Hunde gilt: Einzeltraining kommt vor dem Gruppentraining. Jeder Hund braucht einen anderen Abstand, und in einer Gruppe lässt sich der nicht für jeden einzeln einstellen.
Beim nächsten Mal auf dem Gehweg zwischen Autos und Hecke achtest du auf drei Dinge: wohin das Gewicht deines Hundes geht, wohin er nach der Begegnung will und wie lange es dauert, bis er wieder schnuppert.

