Als ich das Video von Dana Thimel auf dem Kanal der Doguniversity sah, war ich zuerst betroffen – und dann erleichtert. Betroffen, weil es ein offenes Eingeständnis dessen ist, was viele von uns längst spüren: Die Hundeszene ist gespalten, und die Fronten haben sich verhärtet. Erleichtert war ich, weil es jemand ausspricht, der in dieser Community gehört wird und damit dem verbreiteten Getöse etwas Entschiedenes entgegensetzt. Und: Das Video hat einen Nerv getroffen. Einen Tag nach seiner Veröffentlichung zählt es bereits knapp 74.000 Aufrufe und 374 Kommentare – meist wohl meinende. Warum das bemerkenswert ist – darum eben geht es in dem Video, und darum geht es auch in diesem Text.
Dana sagt im Kern: Die Szene hat sich in zwei extrem voneinander abgegrenzte Lager aufgeteilt. Auf der einen Seite stehen die, die ausschließlich auf positive Verstärkung setzen und in jedem Korrekturimpuls eine moralische Gefahr sehen. Auf der anderen Seite stehen jene, die jede Form von Kontrolle über den Hund als notwendig und legitim propagieren – ohne ausreichend zu berücksichtigen, wie verletzlich Hunde als fühlende Wesen sind. In dieser Polarisierung leidet am Ende vor allem das, wofür wir alle eigentlich arbeiten: das Verständnis zwischen Hund und Mensch.
Das Video von Dana Thimel, das ausnahmsweise nichts das Hundetraining selbst, sondern den Umgang miteinander zum Beispiel auf Social Media thematisiert.
Als ich selbst meine Ausbildung zum Hundetrainer begann, wurde mir etwas sehr deutlich: So stark wie in dieser Szene habe ich Polarisation in kaum einem anderen Bereich erlebt. Unterschiedliche Ansätze, klar. Sachliche Debatten, selbstverständlich. Aber das, was ich oft sah und lese – gegenseitige Herabwürdigung, emotionale Überhöhung eigener Positionen, regelrechte Grabenkämpfe – das erinnerte mich stark an eine andere Welt, in der ich mich seit mehr als 30 Jahren beruflich bewege: den Journalismus.
Im Journalismus hat mit dem Aufkommen der sozialen Medien ein Prozess eingesetzt, den manche als Demokratisierung der Öffentlichkeit begrüßt haben. Was langfristig daraus geworden ist, war für viele Beobachterinnen und Beobachter weniger erfreulich: Es wurde scheinbar normal, Kolleginnen und Kollegen in öffentlichen Foren anzugreifen, zu diskreditieren, öffentlich „abzuschießen“. Innerhalb der Branche hat das demokratische Gespräch oft Platz gemacht für Effekthascherei – zugespitzte Aussagen, klare Fronten, ideologische Abgrenzungen. Ich habe diesen Wandel kritisch begleitet und beobachtet, wie sich damit das Vertrauen großer Teile der Öffentlichkeit in den Journalismus verändert hat. Dass viele Menschen Vertrauen in Medien verloren haben, ist – da bin ich überzeugt – zum Teil eine Folge dieser sehr rauen Diskussionskultur.
Nun erkenne ich ähnliche Muster in der Hundeszene: Menschen, die eigentlich ein gemeinsames Ziel haben – ein gutes, verständnisvolles Miteinander von Mensch und Hund – bekämpfen sich gegenseitig so sehr, dass der sachliche Austausch ins Hintertreffen gerät. Unterschiedliche Herangehensweisen, unterschiedliche Schwerpunkte und unterschiedliche Erfahrungen sind wertvoll, wenn man sie als solche anerkennt. Wenn sie aber zu Identitätsmarkern werden, hinter denen man sich verschanzt und gegen die andere Fronten aufgebaut werden, dann verliert die Diskussion an Substanz.
Natürlich gibt es Debatten, die geführt werden müssen. Natürlich muss man Konflikte klären, wenn es um das Wohl von Hunden geht. Aber nicht jede Meinungsäußerung verlangt eine direkte Gegenreaktion. Nicht jeder Kommentar muss kommentiert werden. Und manchmal ist es klüger, sich bewusst zu machen, dass Zuspitzung oft nicht Ausdruck einer tieferen Erkenntnis ist, sondern eine Strategie: Aufmerksamkeit erzeugen, Algorithmen füttern, Reichweite gewinnen, sich selbst wichtig machen. Es wäre naiv zu glauben, dass diese Mechanismen – die nachweislich in sozialen Medien wirken – in einer Fachszene wie der unseren nicht wirksam wären. Es ist ein strukturelles Problem der Plattformen, dass außergewöhnlich pointierte, stark polarisierende Aussagen Reichweite belohnen, während ausgewogene, reflektierte Positionen seltener im Rampenlicht stehen.
Deshalb ist es aus meiner Sicht ein wertvolles, wichtiges Signal, dass jemand wie Dana Thimel, die in der Community bei vielen Menschen Gehör findet, ausdrücklich dafür eintritt, die Fronten aufzuweichen und wieder sachlich miteinander ins Gespräch zu kommen. Nicht aus Gleichgültigkeit gegenüber inhaltlichen Unterschieden, sondern aus Respekt vor anderen Perspektiven und aus Verantwortung für die Hunde und Halterinnen und Halter, die Orientierung suchen und oft genug verunsichert sind.
Ich stimme diesem Appell zu. Nicht, weil ich alle Positionen gleich mache, sondern weil ich überzeugt bin, dass Respekt, Gesprächsfähigkeit und Besonnenheit nicht nur im Hundetraining wichtig sind, sondern in vielen Bereichen unseres gesellschaftlichen Miteinanders. Und gerade in einer Szene, die sich um Beziehung, Vertrauen und partnerschaftliches Lernen dreht, sollte das nicht nur eine „Option“ sein, sondern der Maßstab unseres Austauschs.
Hinweis: Das Titelbild zu diesem Beitrag wurde durch KI generiert.